Killing Tree

Ein Baum auf einer Lichtung. Daneben eine Bambushütte. Dazu zwitschern Vögel. Ein Sinnbild von Harmonie, Natur, Frieden. Nicht so damals: Als fast auf den Tag genau vor 35 Jahren die Vietnamesen Phnom Penh befreiten und etwa 15 km weiter auf diesen Ort stießen, war der Ort von unerträglichem Verwesungsgeruch erfüllt, dutzende stinkende Erdhaufen türmten sich ringsum, aufgebläht von Faulgasen. Und die Rinde eben jenes Baumes war verschmiert mit Blut, Gehirn und Haaren. Dutzende Male hatten die Folterknechte der Roten Khmer vor den Augen der Mütter ihre Babys an den Füßen gepackt und an diesem Baum zerschmettert. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Das stimmt nicht ganz, denn er ist Kosmopolit und hatte von 1975 bis 1979 seinen Hauptwohnsitz in Kambodscha.

The Killing Tree

The Killing Tree

Heute ist Cheoung Ek ein Mahnmal für den Genozid des Regimes Pol Pot und seiner „Khmer Rouge“ am eigenen Volk. Kambodschas Auschwitz. Damals war es eines von schätzungsweise 300 Killing Fields, von denen immer noch nicht alle entdeckt worden sind. Dabei begann die Machtergreifung der Roten Khmer mit der „Befreiung“ von Phnom Penh am 17. April 1975. Nachdem fünf Jahre zuvor der Marshall Lon Nol den König Sihanouk gestürzt und ein Militärregime installiert hatte, war der Sieg der roten Guerilla vom Großteil der Bevölkerung herbeigesehnt worden. Die rote Revolution hatte zuvor schon in Vietnam und China glorreiche Siege errungen. Was aber die Schergen von Pol Pot dann in ihrem Land veranstalteten, muss den Vergleich mit Ruanda oder der Shoa nicht scheuen. In ihrem ideologisch verqueren Bestreben einen radikalen Agrarkommunismus zu installieren, wurden alle Einwohner aus Phnom Penh vertrieben und verschleppt, um in anderen Teilen des Landes der Feldarbeit nachzugehen. Reis pflanzen und Kanäle graben bis zum Erschöpfungs- oder Hungertod.

Gedenkstupa mit den Gebeinen einiger Opfer – sie ist lange voll und der Regen bringt immer noch Knochen im Boden zum Vorschein

Gedenkstupa mit den Gebeinen einiger Opfer – sie ist lange voll und der Regen bringt immer noch Knochen im Boden zum Vorschein

In kurzer Zeit war das „Demokratische Kampuchea“ entstanden, dabei war der erste Teil des Namens noch wesentlich schlimmer vergewaltigt worden, als es in anderen Regimen unter dem roten Stern der Fall war. Der Apparat hinter dem Steinzeitkommunismus nannte sich „Angkar“, was einfach mit „Organisation“ zu übersetzen ist. Die Führungsriege blieb im Hintergrund, niemand wusste genau, was Angkar war, Saloth Sar trat unter dem Namen Pol Pot erstmals 1976 öffentlich auf. Schulen wurden aufgelöst, Tempel verbrannt. Bildung ist unwichtig, das einzig Wichtige ist die Arbeit für die Revolution. Lehrer und Gebildete wurden einfach getötet. Bereits wer eine Brille trug oder eine Fremdsprache beherrschte, kam selten mit dem Leben davon. Viele dieser Menschen endeten nach endlosen Torturen in Foltergefängnissen wie dem Tuol Sleng, auch bekannt als Security Prison 21 oder S21 (ironischerweise vorher eine Schule) schließlich auf einem Killing Field. Kugeln waren zu teuer, die Opfer wurden mit Hacken, Stäben und Hämmern zu Tode geprügelt. Kambodschaner töteten Kambodschaner.

"A state built on mountains of skulls and seas of blood"

„A state built on mountains of skulls and seas of blood“

Trotz der anfänglichen ideologischen Solidarisierung wurde es bald den benachbarten Vietnamesen zu bunt (auch weil das maoistische China über die Unterstützung der Roten Khmer den Feind Vietnam, der den Russen nahe stand, in Schach hielt). Sie machten der Schreckensherrschaft ein Ende, und befreiten Phnom Penh am 7. Januar 1979 aus der Hölle. Die Bilanz aus 3 Jahren, 8 Monaten und 20 Tagen: Je nach Schätzung 1,7 – 3 Millionen Tote, ein Drittel davon durch Folter und Ermordung, der Rest durch Hunger, Erschöpfung und Krankheit. Die Kambodscha-Kommunisten hatten fast ein Viertel ihrer eigenen Landsleute auf dem Gewissen. Jeder Einwohner dieses Landes hat Familienmitglieder in den Schreckensjahren verloren, allein mein Tuk-Tuk-Fahrer, der mich gestern nach Cheoung Ek und Tuol Sleng gefahren hat, hatte sechs Angehörige zu betrauern.

Und der Westen? Paralysiert von den Erfahrungen in Vietnam, taten weder die USA noch die ehemaligen französischen Kolonialherren etwas. Noch viel beschämender: Die Roten Khmer waren in die westlichen Dschungelprovinzen zurückgedrängt worden, aber noch nicht verschwunden. Der Westen erkannte die von Hanoi installierte Regierung nicht an und so nahmen die Roten Khmer noch bis 1993, bis zur Rückkehr Sihanouks aus dem Pekinger Exil, den Sitz in der UN-Vollversammlung als Vertretung ihres Landes ein. Die Mörder als Vertreter ihrer Opfer. Auch wenn 2007 ein Sondergerichtshof seine Arbeit aufgenommen hat, bislang wurde nur Duch, der Direktor von S21, nach einem Geständnis verurteilt. Zwei weitere Prozesse laufen. Die angeklagten hohen Funktionäre der KP von Kampuchea bestreiten, von irgendwas gewusst zu haben. Pol Pot starb 1997, nachdem er zwar ein Jahr im Hausarrest verbracht hatte, aber niemals für seine Taten zur Rechenschaft gezogen worden war.

Ich habe dann am Nachmittag nichts mehr gemacht. Und bin heute etwa acht Stunden mit dem Bus nach Siem Reap weiter. Aber das erschien mir jetzt gerade nicht so wichtig.

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